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Iggy Pop
Iggy Pop
Je Suis Iggy

Englischsprachige und französische Chansons von Frank Sinatra, Yoko Ono und Edith Piaf, neu interpretiert von Iggy Pop: Das neue Album „Après“ zeigt die sanfte seite des „Godfather of Punk “. Im Telefon Interview erzählt uns Iggy Pop, welche Musik ihn im Innersten berührt, was ihn mit 22 Jahren zum glücklichsten Menschen der Welt gemacht hat und warum er jedes Jahr im Mai aufs Neue seinen Zehenagel verliert.


Wo bist du gerade?
In meinem Strandhaus auf den Cayman Islands.

Das hört sich gut an! Was machst du dort den ganzen Tag, surfen?
Nein, nicht wirklich. Ich habe nur ein kleines Bodyboard, mit dem ich ab und zu rausgehe. Ich schwimme viel.

Du hast gerade eine Platte mit englischsprachigen und französischen Chansons aufgenommen. Wie kommt der „Godfather of Punk“ dazu?
Die Songs auf dem Album wollte ich schon als Junge singen, musste aber warten, bis ich alt genug war, um die Stimme dafür zu haben, bis jetzt. Bei Chansons geht es mehr darum, Geschichten zu erzählen. Geschichten, die direkt aus dem Herzen kommen. Der Fokus liegt dabei mehr auf den Melodien, den Emotionen, den Gedanken und weniger in den Beats und den Hüften.

Warum hast du dir auch französische Chansons ausgesucht? Sprichst du die Sprache? Hast du einen besonderen Bezug zu Frankreich?
Einfache französische Texte kann ich verstehen. Als ich die Songs zum ersten Mal hörte, habe ich die Grundidee verstanden und Unklarheiten habe ich erfragt oder das Wörterbuch benutzt. Ich verstehe, was ich singe... Ich wollte in einer anderen Sprache singen, weil es schon immer mein Traum gewesen ist, die Welt zu berühren – und die Welt besteht nicht nur aus Menschen, die in Ohio leben und amerikanisches Englisch sprechen! Das Beste, was mir durch meine Musik passiert ist, ist nicht die Musik selbst, sondern dass sich mir dadurch die Chance geboten hat, meinen Horizont zu erweitern. In den 1970er-Jahren war ich zum ersten Mal in Europa und ich war so interessiert und aufgeregt, all diese unterschiedlichen Orte zu sehen, die unterschiedlichen Kulturen und Sprachen. Ich hab Konzerte gespielt, auf denen vielleicht 50 Leute waren. Ich musste für die Kosten der Gigs selbst aufkommen, hab Schulden gemacht. Aber es hat sich gelohnt, denn ich habe die Welt kennengelernt! Ich erinnere mich an meine erste Nacht auf dem europäischen Kontinent. Ich war im „Bayrischen Hof“ in München und habe dort zum ersten Mal eine Türklinke gesehen. In Amerika haben die Türen run- de Drehknöpfe, im „Bayrischen Hof“ aber hatten die Türen tatsächlich Klinken! Das hat mich echt begeistert. Ausserdem hatte ich zuvor noch nie einen Tiroler Hut gesehen. Die Leute kleideten sich anders, die Mentalität war anders und ich fand diese neue Welt höchst interessant. Ich schrieb meinen Eltern damals einen sehr langen Brief und erzählte ihnen alles. Was ich damit sagen will, ist: Ich finde es wichtig, andere Sprachen und Kulturen wahrzunehmen, und das möchte ich mit meinem neuen Album zum Ausdruck bringen.

Könntest du dir vorstellen, in Zukunft auch mal einen Song auf Deutsch aufzunehmen?
Hab ich schon, vor einigen jahren mit Tine Kindermann. Sie singt mittelalterliche Volkslieder. Ich hab versucht, einige ihrer Lieder zu singen. Es war sehr schwierig, aber ich wollte es unbedingt ausprobieren.

Deine neue Platte, die am 09. Mai erscheint, wird exklusiv auf vente-privee.com und believedigital.com erhältlich sein. Es steht keine Plattenfirma hinter der Produktion. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?
Ich wollte die Möglichkeit haben, es genau so zu machen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hab alle Kosten übernommen, um komplett unabhängig zu sein. „Après“ ist mein Album, mein Meisterstück. Ich hab die Platte für mich aufgenommen und ich hoffe, dass auch andere Menschen es so geniessen können wie ich. Ich habe eine Art Förderer in Frankreich. Er heisst Alain und hat die richtigen Leute für das Projekt zusammengebracht. Der erste Exklusivpartner ist vente-privee.com. Sie verkaufen übrigens auch Mode. Etwas später gibt es den Download des Albums unter believedigital.com. Am Anfang war ich etwas nervös, weil sie mich in meinem kleinen Art- Haus in Miami besuchen wollten, um ein „amüsantes Video“ von mir zu drehen. Ich sollte etwas über das Album erzählen und sie wollten, dass ich den Rasen mähe und zu den Blumen singe. Aber es war lustig und hat Spass gemacht.


Gab es einen Song oder einen bestimmten Musik-Moment, der dich so geprägt hat, dass er dein Leben verändert hat?
Ja, da gibt es viele Momente! Als ich zum ersten Mal gehört habe, wie Ron Asheton den Riff zu „I Wanna Be Your Dog“ spielte – in einem kleinen Haus, als wir noch schöne verrückte Kinder in Blue Jeans waren. Oder später in England, als ich im Studio das Playback von „Search and Destroy“ hörte und realisierte, wie gut es war. Mit „The Passenger“ ging es mir ähnlich. Das waren wirklich grosse Momente. Aber der ganze Rest war für mich ein Kampf. Es fühlte sich immer so an, als wenn nur ich wüsste wie, aber niemand sonst. Aber in letzter Zeit interessiert mich nicht nur die Musik. Ich bin am Leben interessiert, daran, wie sich durch verschiedene Lebensweisen unterschiedliche Musikrichtungen entwickeln. Zum Beispiel die Anfänge des Blues, der von Leuten gesungen wurde, die mit einem Bein frei waren und mit dem anderen immer noch in der Sklaverei verhaftet waren. Es gibt ein Buch von David „Honeyboy“ Edwards, darin erzählt er von den Zeiten, als er ein junger Blues-Musiker war. In einer Geschichte geht er mit einem Freund eine Strasse am Mississippi entlang. Sie haben Gitarre und Harmonika dabei und wollen zur nächsten Stadt, um dort für Geld zu spielen. Dann kommt ein Weisser vorbei mit seinem Pick-up Truck und sie denken, er will sie ein Stück mitnehmen. Aber er fährt sie zur nächsten Baumwollfarm, nimmt ihnen Gitarre und Harmonika weg und befiehlt ihnen, Baumwolle zu pflücken. Wer finge da nicht an, den Blues zu singen?

Kannst du dich auch für einige aktuelle Künstler und Bands begeistern?
Digitale Aufnahmen folgen dem binären Code, es gibt nur Nullen und Einsen. Ich denke, dass die Kreativität der Menschen heute im Durchschnitt eher niedriger ist. Es gibt jedoch deutlich mehr Möglichkeiten, Türme zu errichten, Treppen zu den Sternen und Brücken über Ozeane zu bauen. Es ist leichter geworden, Verbindungen aufzubauen. Ich hab mit Benny Benassi eine Elektro-Version von einem meiner Songs aufgenommen. Wir hatten viel Spass. Ich bin offen für neue Musik. Ich erinnere mich, dass mir Aphex Twin sehr gut gefallen hat, als Elektro-Musik gerade gross rauskam. Westbam hat mir letztes Jahr einen Track geschickt und ich hab die Vocals geschrieben: darüber, was ich über Trance-Musik denke, über laute Deutsche auf Droge, die sich zum immer gleichen Beat bewegen. [lacht] Es gibt in jedem Musikgenre gute Leute. Ich finde auch einige Rapper sehr gut. Lil Wayne, Young Jeezy. Macka Diamond, eine Dancehall-Sängerin. Sie ist grossartig! Und ich mag Elephant Man, Beenie Man und Sean Paul. Musik aus Jamaika ist richtig gut. Aber ich höre auch gerne Weltmusik aus Kolumbien oder Puerto Rico.

Verrätst du uns ein Geheimnis? Etwas, was die Welt noch nicht von dir weiss?
Dafür müssten wir uns aber ein bisschen besser kennen, damit ich ein Geheimnis preisgebe! [lacht] Na gut, eines hab ich für euch: Wenn ich mit The Stooges auf Tour bin, habe ich eine Angewohnheit. Immer wenn der Mikrofonständer umfällt, hebe ich ihn mit dem Fuss und nicht mit der Hand auf. Ich denke dann, ich bin James Brown... [lacht] Und jedes Jahr, wenn die Tour startet, habe ich am linken Fuss fünf schöne Zehennägel. Doch sobald wir ein oder zwei Konzerte gespielt haben, wird einer meiner Zehen blau und der Nagel fällt mit der Zeit aus. Deshalb habe ich jedes Jahr im November nur noch vier Zehennägel. Jetzt gerade habe ich wieder fünf schöne Zehennägel, aber in drei Wochen geht die Tour wieder los und dann beginnt das Nagelproblem von vorne...

Apropos Tour: Warum rockst du die Bühne eigentlich immer oben ohne?
Am Anfang wollte ich damit einfach nur auf das ganze Business scheissen. Dann realisierte ich, dass es noch mehr war: Es bedeutet, alles Unnötige loszuwerden und sich voll auf den körperlichen Ausdruck zu konzentrieren. Und später wurde es irgendwann zur Angewohnheit. Vor einiger Zeit hatte ich das Gefühl, ich hätte eine Diät nötig, und wollte lieber in Mänteln und Westen auftreten. Aber die Leute guckten irritiert und warteten geradezu darauf, dass ich mich ausziehen würde. Ich dachte: „Ach, egal!“, warf meine Weste von mir und alle fingen an zu schreien. Sie wollen es so. Und es passt zu der Musik, die ich mache.

Wann hast du eigentlich angefangen, gesund zu leben und keine Drogen mehr zu nehmen?
Das muss ich Droge für Droge beantworten: Heroin habe ich zum letzten Mal 1981 gespritzt. 1990 habe ich aufgehört, Kokain und Marihuana zu nehmen, wenn auch nicht endgültig: Zwischen 1990 und 2000 habe ich ab und zu noch mal ein wenig gekokst und auch gekifft. Endgültig aufgehört habe ich dann zur Jahrtausendwende, auch mit dem Rauchen. Und das ist gut so. Je älter man wird, desto langsamer erholt sich der Körper von Drogeneskapaden. Ich musste mich entscheiden, ob ich meine Laster oder meine Karriere und Bühnenshows aufgeben wollte. Jetzt ist mein einziges Laster nur noch, dass ich zum Essen Rotwein trinke.

Hast du eine To-do-Liste mit Dingen, die du auf jeden Fall noch machen möchtest im Leben?
Ich bin jetzt erfolgreicher, bekannter und auch erwachsener als früher. Das hat den Nachteil, dass ich nicht mehr sagen kann, was ich möchte. Ich achte mehr darauf, keine Dinge zu sagen, die andere verletzen könnten. Ich würde mich gerne wieder freier und impulsiver äussern. Im Moment lebe ich vor mich hin und reagiere eigentlich nur auf Leute, die mich einladen. Zum Beispiel haben mich The Stooges gefragt, ob ich für sie wieder ein Album schreiben möchte. Sie wollen es unbedingt und ich habe zugesagt. Ich nehme, was mir die Leute anbieten.

Gibt es eine Zeit in deinem Leben, in der du vollkommen glücklich warst?
[überlegt] Ja, als ich 22 Jahre alt war. Es ist etwas oberflächlich, aber zu dieser Zeit habe ich zum ersten Mal entdeckt, dass ich schön war, und das hat mich glücklich gemacht. Auf der anderen Seite hatte ich kein Geld, keine Sicherheiten und musste dafür kämpfen, als guter Musiker wahrgenommen zu werden. Es war auch eine harte Zeit. Aber schön zu sein hat mich glücklich gemacht. Mit 25 Jahren war das Glück der Schönheit dann wieder vorbei. [lacht]

Ihr wollt euch von Iggy romantische Chansons ins Ohr hauchen lassen? BLONDE verlost drei Gutscheine für je ein „Après“-Album, die ihr bei vente-privee.com einlösen könnt: Schreibt einfach bis 12. Juni eine E-Mail mit Betreff „Iggy“ an gewinne@blonde.de.

Das neue Album von Iggy Pop „Après“ ist am 09. Mai 2012 erschienen, exklusiv unter vente-privee.com erhältlich und etwas später als Download bei believedigital.com.


 
von Anna Baur
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