Lana Del Rey
White Trash Beautiful
Im Musikgeschäft eine dicke Lippe riskieren sollte nur, wer was draufhat. Lana Del Rey hat beides: Schmollmund und Talent. Und von beidem nicht gerade wenig.
In einer Zeit, in der die Popmusik den Glauben an die Zukunft verloren zu haben scheint, „bekehrt“ Lana Del Rey mit einem weich gezeichneten Super-8-Look, der alles andere als vorwärts gerichtet, aber eben deswegen so modern oder mindestens aktuell ist. In Zeiten der Krise ist Nostalgie eine Art der Obsession. Dessen ist sich die im beschaulichen Wintersport- Örtchen Lake Placid aufgewachsene Elizabeth „Lizzy“ Grant bewusst und inszeniert ihre Musik und ihre ganze Person als Kunstprodukt, das ausgerechnet mit seiner Rückwärtsgewandtheit gegen die künstliche und kurzlebige Gegenwart des Pop triumphiert. Die 24-jährige New Yorkerin verkörpert eine bittersüsse Mischung aus dem All American Dream, längst verblasstem Hollywood-Glamour, „Daddy’s Little Girl“, das auf Abwege geraten ist und den Verführungen des Lebens nach einigem Scheitern nur noch mit emotionaler Abgeklärtheit und Kälte begegnet, und jugendlicher Unbedarftheit. Kontrovers bis in die Spitzen ihrer trashig manikürten perlmuttfarben schimmernden Fingernägel. Als Gangsta-Version einer Nancy Sinatra verbinden sich in der Person Lana Del Ray das unschuldige Girl-Pop-Image der 60er-Jahre und die dunkle Attitüde des HipHop.
Wenn sie in ihren aus angegilbten Found-Footage-Schnipseln selbst zusammengebastelten Musikvideos den Mund aufmacht (in dessen Üppigkeit sie übrigens den ersten Vorschuss ihrer Plattenfirma investiert haben soll), ist sie scheues Reh und unnahbare Diva zugleich. Das Ende der Liebe bedeutet immer auch das Ende der Welt – in Del Reys Songs gibt es keine Grautöne, sie sind melodramatische Oden an die„ Bigger than life“-Haltung des alten Amerika. Del Rey gurrt sich mit reifer, lebenserfahrungsschwangerer Stimme in sepiafarbenen Schnipseln einer vergangenen Zeit direkt ins Herz ihrer Zuhörer. Die Blogs entdeckten sie, machten aus ihrer DIY-Ä sthetik, mit der sie trotz allen Kallküls so wunderbar authentisch gegen den Hype um Kunstfiguren wie Lady Gaga steht, ein riesiges Ding, selbst das Feuilleton erlag ihrem verrauchten Lolita-Charme. Im Frühjahr erscheint nach den Hit-Singles „Vi- deo Games“, „China Doll“ und „Blue Jeans“ Del Reys erstes Album. Wir freuen uns auf eine fragile Mischung aus Hochkultur und Trash, eine Welt bedeutungsgeladener Bilder und intonierter Wehmut, glamourös und todtraurig zugleich. Gegen die ganze anstrengende Orientierungslosigkeit ob der Menge an Möglichkeiten und der Perspektivenhechelei ihrer Generation klingt Del Reys „Der Nagellack ist noch nicht ganz trocken, Schätzchen, aber steht das Eis im Whiskey-Tumbler schon bereit - herrlich beruhigend.
von Magdalena Schmidt