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Alex Gross im Interview
Schöne Frauen, teure Taschen und Panzer – Die Bilder von Alex Gross sind so schön wie provokativ. BLONDE-Autorin Judith Waldmann hat mit dem amerikanischen Künstler über seine Sicht auf die globalisierte Welt gesprochen.
New York, -1 °C, Sonnenschein: Das Leben pulsiert. Auf den Strassen des energiegeladenen Szeneviertels Chelsea drängen sich dicht an dicht die international bedeutendsten Galerien wie in keiner anderen Metropole. Genau hier, im Herzen der aktuellen Kunstszene, wird im März 2012 die Ausstellung „Product Placement“ des neu und hell aufleuchtenden Stars Alex Gross präsentiert. Die provozierenden Gemälde des gefeierten Newcomers aus Los Angeles, die unter anderem Haute Couture und Markenverblendung thematisieren, polarisieren nicht nur im hippen Chelsea, sondern halten all den Reichen und Schönen unserer globalisierten Welt schonungslos den Spiegel vor. Intime, psychologisierende Porträts morbider, ja, gebrochener Persönlichkeiten, gehüllt in Samt und Seide der grossen Labels wie Dior oder Lanvin, werden die illustren Räume der subversiven Underground-Galerie „Jonathan LeVine“ zieren. Ein Ort der Legenden, in dem einst Street-Art-Grössen wie Invader, Blek Le Rat und Shepard Fairey das Laufen lernten. Die trendgeile, finanzkräftige Upper Class sieht in Gross’ fantastischen, surrealen Gemälden den eigenen Lebensstil kritisch reflektiert und liebt seine Kunst dafür. So stammt die Käuferschaft seiner hochpreisigen Werke paradoxerweise aus genau jener Schicht, die er als oberflächlich, unindividuell und maskenhaft anprangert. In einem Kurzinterview nennt Alex Gross die essenziellen Zutaten seines ästhetischen Erfolgsrezepts mit Tiefenwirkung.
Das Werk 'Slander' zeigt eine ungeschönte Gegenüberstellung von Schein und Sein
Menschen aus aller Welt tragen in deinen Arbeiten denselben Style, eine Art Globalisierung des Geschmacks und der Selbstinszenierung wird thematisiert. Geht es dir dabei mehr um Identitätsverlust oder um das Zusammenwachsen von Kulturen?
In meinem Werk geht es eher um den Verlust der eigenen Identität als um Einheit. Ich werfe einen kritischen, keinen positiven Blick auf unsere Welt. Meiner Meinung nach haben sich Marken zu einer fragwürdigen Bewertungsskala Erster- Welt-Nationen entwickelt. Anstatt sich darauf zu konzentrieren, bessere Menschen zu werden oder bedeutende Dinge in unserem Lebens zu verwirklichen, streben wir danach, Markenware zu erwerben, was wir dann auch noch fälschlicherweise mit Glück und Erfolg gleichsetzen. Fashion ist dabei nur ein Teil dieses Systems, auch andere Labels wie Auto- oder Computermarken bestimmen unser Selbstimage enorm.
Eines deiner Werke zeigt das Fragment einer mit Perlen und Diamanten geschmückten Frau, die eine Zigarette aus einer Louis-Vuitton-Packung nimmt. Ihre Augen sind vom Schriftzug „Prada“ überblendet. Die fahle, ungesunde Hautfarbe und die blutende Nase der Frau brechen mit der exklusiven, glänzenden Aufmachung.
Das Werk „Slander“ zeigt eine ungeschönte Gegenüberstellung von Schein und Sein und macht auf das Leben hinter der Fassade aufmerksam. „Fashion trifft Tod“ wäre die passende Beschreibung dieser Arbeit. Das dargestellte Gesicht ist Elisabeth Taylor nachempfunden, die durch die verdeckten Augen anonym bleibt und somit als Pars pro Toto einer mondänen Welt fungiert, die 99 Prozent aller Menschen verschlossen bleibt.
Mode verändert sich ständig, scheinbar mit dem Ziel, die Gesellschaft zum Konsum zu animieren. Ist das für dich die einzige Eigenschaft der Mode oder siehst du auch eine Art der Kunst darin?
Ja, auf jeden Fall kann Mode auch Kunst sein! Ich habe selbst einige Modemagazine abonniert, in denen teilweise extrem interessante und kreative Kreationen vorgestellt werden. Besonders spannend finde ich allerdings Modewerbung. Einige meiner Lieblingskünstler sind kommerzielle Fotografen wie Gray und Steven Meisel. Aber es gibt meiner Meinung nach eben auch eine Menge Bullshit und Hype in der Modewelt, wahrscheinlich sogar mehr als irgendwo sonst. Mit Ausnahme der Politik vielleicht, die meines Erachtens der uneingeschränkte König von allem Bullshit und Hype ist.
Der Künstler Alex Gross hält mit seinen Kunstwerken der konsumverrückten Welt den Spiegel vor
von Judith Waldmann